In grauer Vorzeit, als Ötzi sich auf seinen Weg über die Alpen machte, also vor etwa 5.300 Jahren, war Kleidung vornehmlich Schutz vor den Unbilden des Wetters. Leder, Fell und Pflanzen wärmten die Menschen, wenn der eiskalte Winter kam. Ein 5.000 Jahre altes altägyptisches Kleid, das nahe Kairo gefunden wurde und als ältestes heute noch fast vollständig erhaltenes gewebtes Kleidungsstück gilt, zeugt jedoch davon, dass Menschen schon früh Kleidung auch trugen, um sich individuell auszudrücken. Heutzutage sind Mode und Kleidungsstücke – neben dem Ausdruck von Individualität, persönlichem Stil oder Konformität – vor allem zur Konsum- und Massenware geworden. Während die Haute Couture, also die modebestimmende Schneiderkunst der französischen Metropolen, für kostspielige Kleidung für Wenige steht, hat sich Fast Fashion als preiswerte Mode für Viele etabliert, die immer kürzere Durchlaufzeiten hat. Das treibt den Energie- und Rohstoffverbrauch sowie den CO2-Ausstoß weltweit nach oben.

Mehr als eine Million Tonnen Textilien landen jedes Jahr in Alkleidercontainern und Sammelstellen – geschätzt sind dies 64 Prozent der tatsächlich zur Verfügung stehenden Sammelmenge.
In Deutschland kaufen Verbraucherinnen und Verbraucher im Durchschnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr, von denen zwölf so gut wie nie getragen werden. Mehr als eine Million Tonnen Textilien landen jedes Jahr in Altkleidercontainern und Sammelstellen – geschätzt sind dies 64 Prozent der tatsächlich zur Verfügung stehenden Sammelmenge. Der Rest wird über den Restmüll entsorgt, verbleibt in unseren Kleiderschränken oder wird verschenkt. Weltweit sind Alttextilien einer der wichtigsten und größten Stoffströme. Die Textilindustrie ist sich der großen Herausforderungen bewusst und arbeitet bereits gemeinsam mit der Recyclingwirtschaft an Lösungen für eine nachhaltige Textilwirtschaft.
Seit dem 1. Januar 2025 steht der Alttextilmarkt EU-weit auch unter neuer Regulierung: Laut EU-Verordnung sind die Hersteller zur Getrenntsammlung von Alttextilien verpflichtet. Mit der gesetzlichen Verpflichtung des Recyclings von Alttextilien ist der Markt gefordert, sehr schnell eine funktionierende Recyclinginfrastruktur für Alttextilien zu etablieren. Über die Bedeutung und Behandlung von Alttextilien sowie Möglichkeiten des Recyclings dieses gewaltigen Stoffstroms sprachen wir mit Dr. Ansgar Fendel, CTO von REMONDIS.
„Angesichts der Mengen und der Auswirkungen auf die Umwelt ist Textilrecycling eines der ganz großen Themen in der Kreislaufwirtschaft.“
Dr. Ansgar Fendel, CTO REMONDIS

Warum wird das Recyceln von Textilien immer wichtiger?
Dr. Ansgar Fendel: Angesichts der Mengen und der Auswirkungen auf die Umwelt ist Textilrecycling eines der ganz großen Themen in der Kreislaufwirtschaft. Es geht dabei gar nicht um das Ob, sondern um das Wie; denn gebrauchte Textilien wieder in Kreisläufe zu bringen, ist eine unverzichtbare Notwendigkeit. Das Ziel der EU ist die klimaneutrale Transformation der Industrie. Das Recycling von Alttextilien ist bei der Größenordnung des anfallenden Stoffstroms ein Baustein zum Erreichen dieses Ziels und ein Betrag zur Steigerung der Resilienz der Rohstoffversorgung.
Am Beispiel der Baumwolle lässt sich das gut aufzeigen: In der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen ist, dass Baumwolle eine der wichtigsten Fasern in der Textilbranche ist. Der Klimawandel und die damit einhergehende Veränderung der Wasserverfügbarkeit in den Baumwollanbaugebieten verändert potenziell die Ertragsmengen und beeinträchtigt die Qualität der Faser. Allein schon deswegen macht es viel Sinn, auch wenn das eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist, Rezyklat-Baumwollfasern herzustellen.

Welche Schritte geht REMONDIS im Textilrecycling?
Dr. Ansgar Fendel: Ziel ist es, Alttextilien zu erfassen, optimal zu sortieren und entweder als gute Gebrauchtware oder wertvollen Rohstoff wieder in die Kreisläufe einzuspeisen. Wir haben daher vor einigen Jahren – ganz hands-on – angefangen, das Geschäft aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln, die heute sehr wertvoll für unsere Weiterentwicklungen sind.
Bei uns ist während dieser Jahre der Gedanke gereift, dass eine strategische branchenübergreifende Partnerschaft mit einem Unternehmen der Textilindustrie sinnvoll ist, um die anstehenden Aufgaben besser und schneller angehen zu können. Unser schwedisches Joint Venture Looper Textile Co. mit H&M ist genau deswegen gegründet worden. Wir erleben die Zusammenarbeit mit unserem Partner H&M, ebenfalls ein familiengeführtes Unternehmen, als komplementär, erfolgreich und sehr erfreulich.
Wichtig ist mir auch, dass zur Lösung der anstehenden Herausforderungen für diesen sehr komplexen Stoffstrom sich branchenübergreifend die Recyclingindustrie mit der Textilbranche intensiv vernetzt und wir so gemeinsam eine Zusammenarbeit für mehr Nachhaltigkeit gestalten.
Was macht die Aufarbeitung von Textilien so kompliziert?
Dr. Ansgar Fendel: Alttextilien sind ein hochkomplexer Stoffstrom. Das hört sich im ersten Moment etwas kurios an, da wir alle beim täglichen Gebrauch von Textilien diese als sehr einfach zu nutzende Alltagsgegenstände erleben.
Die stoffliche Verwertung, die vom Second Use, also der Wiederverwendung, bis zur Nutzung der Rezyklatfaser reicht, ist ein technologisch herausforderndes Unterfangen. Das hat mit der unübersehbaren Vielfalt, der ständigen Veränderung der durch die Mode bestimmten kurzen Produktzyklen und der weich-flexiblen Eigenschaft von Textilien zu tun. Beim Recycling müssen wir uns mit den verschiedensten Gewebearten, dem Materialmix der Gewebe (Monofaser wie zum Beispiel Baumwolle oder Mischfaser wie Polycotton mit Elastan bis hin zu Mehrlagengewebe), Farben, chemischen Stabilisatoren und Beschichtungen, Klebstoffen, Applikationen, Verschlüssen, Knöpfen und der Riesenbandbreite der anfallenden Formen sowie Größen auseinandersetzen.
Wie gehen wir also mit der Komplexität um? Nach der Sammlung sortieren wir in unserer hocheffizienten Manufaktur, wie die in Polch, Second-Hand-Ware und die Recyclingware manuell aus. Dies ist immer ein wichtiger Schritt, und was einfach klingt, erfordert ein hohes Know-how über das Produkt, da wir für den Second-Hand-Markt weit über 200 verschiedene kundenspezifische Qualitäten herstellen und verkaufen. Die manuelle Sortierung ist aktuell nicht zu ersetzen. Bei der Sortierung fallen circa 40 bis 50 Prozent als Recyclingware an, die aufgrund ihrer Qualität nicht für den Second Use geeignet sind.

Bei der Sortierung fallen circa 40 – 50 % als Recyclingware an, die aufgrund ihrer Qualität nicht Second-Use-geeignet sind.
Und was passiert mit der restlichen Recyclingware?
Dr. Ansgar Fendel: Die Recyclingware wird derzeit noch manuell nachsortiert und geht in industrielle Anwendungen wie Schalldämmung im Automotive-Sektor, Putztücher und Vliese.
Wir werden demnächst die manuelle Sortierung durch eine automatische ablösen. Wir testen gerade eine von uns entwickelte KI-basierte Sortiertechnologie, um die Recyclingware automatisch in definierte Gewebequalitäten zu trennen. Daraus kann im nächsten Schritt eine Rezyklatfaser gewonnen werden, die zur Garnproduktion in Spinnereien oder für andere hochwertige Anwendungen verwendet werden kann.
Herausfordernder und wichtiger Stoffstrom
Dass die Königsdisziplin in der Rückführung in Kreisläufe, das Faser-zu-Faser-Recycling, noch in der Entwicklung ist, hat nicht nur technische Gründe. Aktuell, so Dr. Ansgar Fendel, seien Spinnereien in aller Welt noch zurückhaltend beim Einsatz des weitgehend unbekannten Recyclingmaterials.
In Polch nahe Koblenz ist die Firma RE-Textil beheimatet. Hier werden täglich 20 Tonnen Alttextilien angeliefert und sortiert. Nach händischer Vorsortierung werden die Textilien in der Nachsortierung in verschiedene Qualitäten eingruppiert, verpackt und in zahlreiche Länder rund um den Globus exportiert. Der Austausch mit den REMONDIS-Handelspartnern ist eng, um passgenaue Qualitäten liefern zu können.
Außer um die technischen Herausforderungen geht es beim Textilrecycling, so Dr. Ansgar Fendel, vor allem um die Erkenntnis, dass dieser Stoffstrom eminent wichtig ist beziehungsweise immer wichtiger werden wird und jeder Mensch durch sein eigenes Verhalten zum Klimaschutz beitragen kann. Bislang mache man sich beim Kauf eines Kleides oder eines Pullovers viel zu wenig Gedanken über die Umweltauswirkungen durch Herstellung, Logistik und Verwertung. Jeder möge sich überlegen, wie möglichst viele Gebrauchttextilien einer Wiederverwertung zugeführt werden können. Zudem habe die eigene Kaufentscheidung und das ganz persönliche Nutzungsverhalten Auswirkungen auf unsere Welt. Umweltschutz fängt eben ganz konkret bei unserem eigenen Verhalten an – der Planet wird es uns danken!

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