Städte haben’s auch nicht leicht: Meist zu wenig Wohnraum, immer noch zu viele Autos, neue Herausforderungen durch den Klimawandel und stets die Forderung nach permanenter Sauberkeit in Straßen, Parks und Fußgängerzonen, auf Plätzen, vor, während und nach großen sowie kleinen Events. „Leider haben viele Menschen die Sauberkeit nicht mehr so fest in ihrem Verantwortungsbewusstsein verankert. Häufigkeit und Intensität unbedachter Verschmutzungen in den Städten und Gemeinden nehmen deshalb in den letzten Jahren weiter zu“, schreiben die Autoren der VKU-Information 100 aus dem Jahr 2020, die sich dem Thema Littering und den kommunalen Maßnahmen für Stadtsauberkeit widmet.
Mit Littering ist das bewusste oder unbewusste Wegwerfen von Abfällen, also die Verschmutzung des öffentlichen Raums, gemeint. Ein Thema, dem sich alle Städte und Gemeinden immer stärker ausgesetzt sehen.
Littering
Der Begriff „Littering“ kommt aus dem Englischen von „to litter“ und bedeutet „wegwerfen“. Gemeint ist das achtlose Wegwerfen und Liegenlassen von Abfall, vorzugsweise auf öffentlichem Grund, also auf Straßen und Plätzen, in Parks und in der offenen Landschaft.
Ein wesentlicher Teil des Litterings besteht aus To-go-Verpackungen, Zigarettenstummeln und Plastikflaschen.
Schwindendes Vertrauen in Politik und Verwaltung
Mehr als 2.000 Städte und über 8.500 Gemeinden gibt es in Deutschland. Viele Menschen erleben in ihrem Alltag, dass mangelnde Sauberkeit in Stadtvierteln oder Wohnquartieren auch dazu führt, dass das Vertrauen der Menschen in Politik und Verwaltung, Daseinsvorsorge zu gewährleisten und Lösungen vor Ort zu finden, schwindet. Die in der Sozial- und Stadtforschung durchaus umstrittene Broken-Windows-Theorie besagt, dass erste Anzeichen von Verwahrlosung in einem Viertel weitere negative Folgen nach sich ziehen können. Jede Stadt scheint somit gut beraten, auch das Thema Stadtsauberkeit ernst zu nehmen und der illegalen Vermüllung des öffentlichen Raums proaktiv entgegenzuwirken.
Abgesehen von Wohlfühlfaktoren und schwindendem Vertrauen in die Leistungsfähigkeit einer Kommune geht es ganz schlicht auch um Umweltschutz. Vermüllte Parks und Plätze, Teiche und Seen, Naherholungsgebiete und Innenstadtbezirke schaden dem hiesigen Tier- und Pflanzenbestand, schädigen Lebensräume womöglich nachhaltig. Ein wesentlicher Teil des Litterings besteht aus To-go-Verpackungen, Zigarettenstummeln und Plastikflaschen. Viele Materialien sind erst nach vielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten abgebaut. Bestimmte Polymerverbindungen benötigen dafür sogar bis zu 2.000 Jahre und belasten in diesem gewaltigen Zeitraum die Umwelt.
Für mehr Stadtsauberkeit: Die Digitalisierung hat Produkte hervorgebracht, die quasi Hand in Hand arbeiten und Kommunen in der Alltagsarbeit unterstützen.
„Den Produkten zugesetzte, schädliche Stoffe, wie Additive oder Weichmacher, können beim Zersetzungsprozess in die Umwelt eingetragen werden und auch der Abfall kann teilweise in Gewässern wie Seen, Flüsse oder schließlich Meere Eingang finden“, schreibt das Umweltbundesamt in seinem Abschlussbericht „Status Quo, Handlungspotentiale, Instrumente und Maßnahmen zur Reduzierung des Litterings“ von 2020.
Littering mit Gesetzen, Sanktionen und Aufklärungskampagnen in den Griff zu bekommen, führt allein und schon seit Jahren nicht zum erhofften Erfolg. Gleichzeitig ächzen Kommunen und städtische Entsorger unter immensen finanziellen und personellen Belastungen, die sie für die Stadtsauberkeit einsetzen müssen.
Zum Glück gibt es Licht am Horizont, und dies in digitaler Form: Die fortschreitende Digitalisierung hat Produkte hervorgebracht, die quasi Hand in Hand arbeiten, Kommunen ganz konkret in der Alltagsarbeit unterstützen und gleichzeitig den Menschen nicht überflüssig machen – ganz im Gegenteil. Zu den Lösungen zählt die KI-gestützte Anwendung DATAFLEET von REMONDIS Digital, eine Kombination aus Hard- und Software, sowie das umfassende Digital-Tool NEOS. Die DATAFLEET-Hardware besteht aus einer Kamera und einem Edge Device, einer kleinen Recheneinheit, die das Datenmaterial verarbeitet und KI-basiert analysiert. Das leistungsstarke Modul ist dafür extra mit mehr als vier Millionen Bilddaten trainiert worden, um beispielsweise Müllablagerungen identifizieren zu können – ein nicht ganz simples Unterfangen.
NEOS (Nachhaltige, Effiziente und Optimierte Stadtsauberkeit) ist die All-in-one-Lösung, die alle digitalen Funktionen wie unter anderem das Auftragsmanagement, eine intelligente Tourenplanung sowie weitere externe und interne Daten zur Stadtsauberkeit bündelt. Das digitale Angebot komplettiert das ebenfalls KI-basierte CORTEXIA-System, das den Sauberkeitszustand von Straßen, Gehwegen und öffentlichen Plätzen in Echtzeit dokumentiert und im sogenannten Clean City Index abbildet. Erfasst werden Zigarettenstummel, Papierreste und Verpackungsmüll. Die Ergebnisse helfen, Reinigungsprozesse punktgenau zu planen und effizient zu steuern.
Der Einsatz digitaler Lösungen spart somit Ressourcen, sorgt für Transparenz und effiziente Planung. Städte wie Potsdam, Hamburg, Mülheim an der Ruhr, Hagen und Duisburg haben die Lösungen von REMONDIS Digital in ganz unterschiedlicher Kombination im Einsatz und je nach Bedarf und lokalen Notwendigkeiten angepasst.
Mülheim: Das eine tun, ohne das andere zu lassen
„Für uns sind die digitalen Lösungen, die wir einsetzen, vor allem eine Ergänzung zu bereits bestehenden Maßnahmen, mit denen wir aktiv für ein sauberes Mülheim tätig sind“, erläutert Jennifer Ebbers, Pressesprecherin der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft mbH (MEG). Die MEG nutzt seit einiger Zeit die Plattform NEOS und die automatisierte Datenerfassung DATAFLEET, um Abfall im öffentlichen Raum zu orten. „Der erste Einsatz war spektakulär, sieben Sammelfahrzeuge waren mit Kameras ausgestattet und haben das gesamte Stadtgebiet abgedeckt“, berichtet Janina Müller, verantwortliche Mitarbeiterin für die Mobile Stadtsauberkeit und Beratungsgruppe (MHSB). „Natürlich“, so betont sie, „werden gemäß den Datenschutzregelungen keine Personen aufgenommen und Kennzeichen werden verpixelt, sodass lediglich die Abfälle erfasst werden.“
Die MHSB ist im Auftrag der Stadt Mülheim an der Ruhr bei der MEG für ein sauberes Stadtbild im Einsatz. Die im Schichtdienst arbeitenden Teams, bestehend aus einem Mitarbeiter der MEG und einer Sicherheitskraft einer externen Firma, sind so etwas wie eine Art Sondereingreiftruppe für wilde Müllablagerungen und achtlos weggeworfenen Abfall. Ziele sind es, Müllsünder abzuschrecken und das Bewusstsein für Stadtsauberkeit zu stärken.
Ihre Mittel sind die Beobachtung, Ermittlung von Müllsündern, natürlich Aufklärung und Beratung. „Falls das nicht reicht, werden vom Ordnungsamt der Stadt auch Bußgelder verhängt“, berichtet Janina Müller. Im Durchschnitt fielen rund 160 Euro pro Vergehen an, in extremen Fällen der Umweltverschmutzung könnten auch mal 10.000 Euro zu Buche schlagen. Die Stadtsauberkeit verbessere sich, auch wenn es Hotspots in der Stadt gebe, die immer wieder unrühmlich auffielen. Stadtsauberkeit ist eben immer auch ein wenig Sisyphusarbeit. Da kommt technischer Support gerade recht. Mit den Augen von DATAFLEET und den Daten von NEOS können letztlich auch die MHSB-Teams noch zielgerichteter arbeiten – für ein schönes und sauberes Mülheim an der Ruhr, der Stadt am Fluss.
Die MEG setzt auf automatisierte Datenerfassung, um Abfall im öffentlichen Raum zu orten
„Für uns sind die digitalen Lösungen, die wir einsetzen, vor allem eine Ergänzung zu bereits bestehenden Maßnahmen, mit denen wir aktiv für ein sauberes Mülheim tätig sind.“
Jennifer Ebbers, Pressesprecherin Mülheimer Entsorgungsgesellschaft mbH (MEG)
Hagen: Messbare Stadtbildverbesserung durch schnelle Reaktionen
Schnelligkeit und Präzision verbindet der Hagener Entsorgungsbetrieb (HEB) mit dem Einsatz digitaler Technik. „Seit Oktober 2024 nutzen wir DATAFLEET und NEOS“, berichtet Nicole Flocco, Stabsstelle Unternehmensstrategie- und Entwicklung, Projektleitung und IT. Waren zunächst drei Kameras auf Sammelfahrzeugen im Einsatz, wird aus dem Pilotstatus nun ein kontinuierlicher Einsatz auf allen 13 Stammfahrzeugen. Darüber hinaus ist in Hagen – wie auch in Mülheim an der Ruhr – das CORTEXIA-System im Einsatz, das vor allem zur Objektivierung von Informationen rund um Stadtsauberkeit sowie für das Monitoring und Controlling der umgesetzten Maßnahmen benötigt wird.
Auch wenn der hiesige Mängelmelder der Stadt, über den Bürgerinnen und Bürger Missstände wie illegale Müllablagerungen melden können, gut funktioniere, reiche das angesichts der Anforderungen längst nicht mehr aus. „Die Standorte der illegalen Müllablagerung sind nicht immer eindeutig definiert, sodass wir viel Aufwand betreiben mussten, um zu klären, wo genau der Müll liegt“, erläutert Nicole Flocco. Exakte und verwertbare Informationen liefern jetzt die KI-gestützten Kameras über DATAFLEET und machen ein punktgenaues und vor allem schnelles Eingreifen möglich. Darüber hinaus würden jetzt auch Müllkippen erfasst, die gar nicht von Bürgerinnen oder Bürgern gemeldet würden.
Neben datenbasierten Anwendungen braucht es auch in Zukunft viel Aufklärung, gemeinschaftsbildende Events wie Stadtsauberkeitsaktionen und Umweltbildung, die schon bei den Kleinsten anfängt.
Die Technik ist auch ein Flankenschutz für die Waste Watcher, die in Hagen seit 2019 Müllsündern auf der Spur sind. 23 Waste Watcher sind für die HEB sowie die Stadt im Einsatz, knapp 1.400 Verwarnungen und Bußgelder wurden allein im Jahr 2024 verhängt. „Der Einsatz der digitalen Technik reduziert auch die Patrouillenfahrten unserer Waste Watcher und entlastet sie damit“, freut sich Nicole Flocco. Über die Software NEOS bekommen die Waste Watcher die Infos über illegale Ablagerungen direkt aufs Handy, können handeln und auch digital Rückmeldungen geben. DATAFLEET und NEOS stärken ihre Präsenz vor Ort.
Für Jens Steinbach, Einsatzleiter der Waste Watcher, ist der Faktor Schnelligkeit ganz wichtig. Illegaler Abfall müsse so rasch wie möglich entdeckt und beseitigt werden: „Müll zieht Müll an“, weiß der erfahrene Einsatzleiter, „und deshalb müssen wir schneller als die Bürger sein.“ Jens Steinbach ist froh über den Einsatz der digitalen Lösungen: „Auch die Kollegen freuen sich über die digitale Unterstützung“, sagt er.
Dass mit dieser Technik auch die Digitalisierung im Unternehmen voranschreite, ist für ihn ein weiteres Plus. So könne man nachhaltig digitale Prozesse gestalten, die Transformation schaffen und die Stadtsauberkeit in Hagen, dem Tor zum Sauerland, weiter optimieren.
Über die digitale Unterstützung in Hagen freuen sich (v. l.): Einsatzleiter Jens Steinbach, Projektleitung Nicole Flocco, Geschäftsführer Sven Lindemann
Duisburg: Start mit der Verkehrsschilderfassung
Stadtsauberkeit ist für alle Städte ein Thema, ebenso wie die Digitalisierung der Prozesse. Althergebrachte Abläufe von analog auf digital umzustellen, ist allerdings eine große Herausforderung. „Wir haben DATAFLEET und NEOS zunächst eingesetzt, um verschmutzte oder beschädigte Verkehrsschilder zu erkennen und gezielt einzugreifen“, erläutert Jessica Richter von der Verkehrssteuerung bei den Wirtschaftsbetrieben Duisburg (WBD). Künstliche Intelligenz hilft quasi im Vorbeifahren der Abfallsammelfahrzeuge, die mangelhaften Schilder zu identifizieren. „Das bringt uns gewissermaßen in die Vorlage, wir müssen nicht warten, bis wir Schadensmeldungen bekommen, sondern sind proaktiv“, berichtet Jessica Richter. Als erstes Ergebnis habe man eine Reinigungsoffensive gestartet.
Seit Sommer 2024 sind sechs Fahrzeuge der WBD-Tochter Kreislaufwirtschaft Duisburg GmbH mit dem kamerabasierten KI-System DATAFLEET ausgestattet. Bei ihren Fahrten durch Marxloh, Meiderich oder Mündelheim erfassen sie automatisch die Verkehrsschilder am Straßenrand – eine Mammutaufgabe, denn insgesamt gibt es 1.389 Kilometer Landes-, Kreis- und Gemeindestraßen sowie Plätze und Wege, 155 Brücken und sechs Tunnelbauwerke. Duisburgs gewaltiges Straßennetz verfügt über sage und schreibe 70.000 Verkehrsschilder, die kontrolliert werden wollen. Wer könnte das besser als die kommunalen Sammelfahrzeuge, die regelmäßig alle Straßen abfahren?
Nach der Erfassung durch die DATAFLEET-Kameras analysiert Künstliche Intelligenz die Daten, ehe sie an die Plattform NEOS übermittelt werden. Das Projekt in Duisburg trägt sowohl zur Stadtsauberkeit als auch zur Verkehrssicherheit bei und hilft quasi nebenbei, Abläufe effizienter zu gestalten. Jessica Richter bilanziert: „Das war ein guter Einstieg, auch weitere Abläufe zu digitalisieren.“ Und das Stadtbild Duisburgs profitiert natürlich auch!
FAZIT
Jede Stadt ist anders, kluge Digitalisierung kann fast immer Mehrwerte schaffen und ein wichtiger Baustein bei der Aufgabenbewältigung kommunaler Entsorgungsunternehmen sein. Neben datenbasierten Anwendungen wie DATAFLEET, NEOS und CORTEXIA braucht es natürlich auch in Zukunft ganz viel Aufklärung, gemeinschaftsbildende Events wie Stadtsauberkeitsaktionen und Umweltbildung, die schon bei den Kleinsten anfängt. Denn nur, wenn heute und in Zukunft so viele Menschen wie möglich in einer Kommune mitmachen, wird’s klappen mit nachhaltiger Stadtsauberkeit. Und dann steigt auch das Vertrauen der Menschen in Politik und Verwaltung!
„Das war ein guter Einstieg, auch weitere Abläufe zu digitalisieren.“
Jessica Richter, Arbeitsgruppenleiterin Verkehrssteuerung Wirtschaftsbetriebe Duisburg (WBD)
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