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1. Februar 2024

Warum Mehrweg aktuell noch ein steiniger Weg ist

Ein Gespräch mit Roland Lenders und Johannes Hatting über den Status Quo und nachhaltige Mehrwegkonzepte

Vor rund einem Jahr ist es ernst geworden: Die Mehrwegangebotspflicht verpflichtet Restaurants, Cafés, Kantinen und andere Gastronomiebetriebe seit dem 1. Januar 2023, für Getränke und Lebensmittel zum Mitnehmen neben Einweg- auch Mehrwegverpackungen anzubieten. Doch ein Jahr später fällt die Bilanz recht ernüchternd aus. Viele Speisen werden nach wie vor in Verpackungen verkauft, die schon nach wenigen Minuten den Weg in den Abfalleimer finden.

Wir haben zwei Experten der REMONDIS Resource Management GmbH befragt: Geschäftsführer Roland Lenders und Vertriebsleiter Johannes Hatting machen sich stark für nachhaltige Mehrweglösungen und berichten über Projekte und Zukunftsaussichten.

Seit 2023 gilt die Mehrwegangebotspflicht

Seit dem 1. Januar 2023 sind Betriebe, die verzehrfertige Lebensmittel in Kunststoff-Einwegbehältnissen oder Getränke in Einwegbechern verkaufen, gesetzlich dazu verpflichtet, ihren Kunden Mehrwegverpackungen als Alternative anzubieten. Eine Ausnahme macht der Gesetzgeber für Betriebe, die höchstens fünf Mitarbeiter beschäftigen und gleichzeitig nicht mehr als 80 Quadratmeter Verkaufsfläche haben. Sie müssen den Kunden aber auf Wunsch die Speisen zum Mitnehmen in die eigens mitgebrachte Schale füllen.

REMONDIS AKTUELL: Herr Lenders, wie hoch schätzen Sie die aktuelle Mehrwegquote in Deutschland ein? Wie viele Menschen nutzen Mehrweg statt Einweg bei Take-away-Bestellungen?

Roland Lenders: Leider nicht allzu hoch. Nach aktuellen Zahlen des WWF wurden in der Gastronomie im Jahr 2023 gerade einmal 1,6 Prozent der Produkte in Mehrwegverpackungen verkauft. Das ist zwar eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr, macht sich aber in den Abfalleimern der Fußgängerzonen nicht wirklich bemerkbar. Das liegt daran, dass gleichzeitig die Zahl der abgegebenen Einwegverpackungen von 13,6 auf 14,6 Milliarden Stück gestiegen ist. Dabei könnten mit jeder Wiederverwendung und -befüllung wertvolle Ressourcen und Energie eingespart werden.

REMONDIS AKTUELL: Woran liegt es, dass sich viele Menschen immer noch für Einweg statt Mehrweg entscheiden?

Roland Lenders: Die überwiegende Mehrheit der verpflichteten Gastronomiebetriebe kommt der gesetzlichen Verpflichtung nach und bietet die Mehrwegalternative an. Diese wird jedoch meist nicht aktiv, zum Beispiel durch das Personal, beworben und von den Gästen nicht angenommen.

Denn auch wenn Mehrweg angeboten wird, greifen viele Menschen nach wie vor eher zur Einwegverpackung. Für manche scheint es die bequemere und hygienischere Variante zu sein. Anderen fehlt die nötige Information. Das Verkaufspersonal müsste konsequenter informieren, zum Beispiel durch eine persönliche Ansprache beim Kauf.

Natürlich gibt es immer noch kleinere Betriebe, die sich nicht an die Regeln halten, aber diese werden von den Behörden nicht wirklich kontrolliert. Kontrollen finden vor allem durch die DUH mit Testkäufen bei den großen Ketten statt.

Johannes Hatting: Das zeigt aber auch, dass der Markt für Mehrweg noch zu kompliziert ist. Aktuell gibt es zu viele Anbieter mit Insellösungen. Den Verbrauchern fehlt dann ein Anreiz, wenn das Behältnis nicht überall zurückgegeben werden kann. Es gibt also noch genug Stellschrauben, an denen gedreht werden kann.

REMONDIS AKTUELL: Sie beschäftigen sich bei REMONDIS schon länger mit dem Thema Mehrweg und spezialisieren sich mit ihren Services aktuell insbesondere auf die Veranstaltungsbranche. Wie kommt das?

Johannes Hatting: Unsere Erfahrung zeigt, dass Mehrweglösungen auf Veranstaltungen bereits gut funktionieren, weil hier die Rahmenbedingungen stimmen. Nehmen wir das Beispiel Stadion: Bei den Fußballfans haben sich Mehrwegbecher längst etabliert, weil schlichtweg kein Einweg mehr angeboten wird. Solche Potenziale bauen wir weiter aus. Wichtig ist uns dabei vor allem der Austausch. Dadurch erkennen wir, welche Anforderungen gegeben sind und können gemeinsam mit den Veranstaltern individuelle Logistikkonzepte und Services entwickeln.

Roland Lenders: Einige Kommunen wie Düsseldorf gehen hier auch entschieden voran und fordern die Nutzung von Mehrweg bei Veranstaltungen auf öffentlichem Gelände. Gemeinsam mit den Kollegen der AWISTA arbeiten wir derzeit an der Umsetzung eines Mehrwegkonzeptes für den Düsseldorfer Straßenkarneval.

REMONDIS AKTUELL: Auf welcher Veranstaltung haben Sie denn schon erfolgreich Mehrweggeschirr eingesetzt?

Johannes Hatting: Zum Beispiel beim Berlin Marathon im September 2023. Erstmals wurden an den Verpflegungsstationen wiederverwendbare Becher ausgegeben, die speziell für Sportveranstaltungen entwickelt wurden. Hier stand besonders die Sicherheit im Fokus. Die neuen wiederverwendbaren Becher gewährleisten dank der sechs Sollbruchstellen eine einfache und sichere Nutzung. Sie zerbrechen bei versehentlichem „Drauftreten“ sofort und können so nicht zur Stolperfalle werden.

Mithilfe einer Zielscheibe können die Becher zudem leichter im Vorbeilaufen in die vorgesehenen Behälter befördert werden. Insgesamt haben wir 90.000 Mehrwegbecher ausgegeben und nach Gebrauch wieder eingesammelt. Unterstützt wurden wir dabei von den Kolleginnen und Kollegen der REMONDIS-Niederlassung Berlin.

Entwicklungen auf politischer Ebene

In politischen Kreisen tut sich beim Thema Mehrweg viel. Sei es auf europäischer Ebene mit der PPWR, einer europaweit gültigen Verpackungsverordnung, die derzeit in Brüssel verhandelt wird, oder auf kommunaler Ebene, wie die Einführung einer lokalen Verpackungssteuer in Tübingen.

Auch das Jahr 2024 hält Neuerungen bereit: So werden ab dem 1. Januar 2024 Einwegbecher sanktioniert. Das Einwegkunststofffondsgesetz verpflichtet Hersteller, die Kosten für in Straßen oder Parks anfallende Abfälle von Einwegkunststoffprodukten zu tragen. Die Unternehmen zahlen dazu eine Abgabe in den Einwegkunststofffonds, der am Umweltbundesamt (UBA) angesiedelt ist. Das bedeutet: Pro Kilogramm in Verkehr gebrachter Einweg-Getränkebecher müssen die Inverkehrbringer beispielsweise 1,236 Euro zahlen. Mit diesen Einnahmen sollen die Sammlung und Verwertungen der Verpackungen, ausgeführt von den Städten und Gemeinden, finanziert werden.

REMONDIS AKTUELL: Nehmen Sie uns einmal mit, was mit den Mehrwegbehältern nach Veranstaltungsende passiert.

Johannes Hatting: Das nächste Ziel ist unser Sortier- und Spülzentrum. Hier zählen und sortieren wir die Verpackungen, gleichen etwaige Pfandbeträge aus und übernehmen das Datenmanagement. In unser speziell auf Kunststoffbehälter ausgelegten Spülanlage werden die Behälter gereinigt und sofort getrocknet. Dabei legen wir den Fokus nicht nur auf höchste Hygiene sondern auch auf Ressourcenschonung und Qualität.

REMONDIS AKTUELL: Inwiefern?

Johannes Hatting: Das fängt an mit der Solaranlage auf dem Dach, mit der wir grüne Energie erzeugen. Weiter geht es mit einer nachhaltigen Wärmerückgewinnung. Und im Prozess selbst achten wir ebenfalls darauf, Ressourcen zu schonen. Pro Becher werden nur 30 ml Wasser zum Spülen genutzt.

Am Ende der Reinigung durchläuft jeder Behälter unser Qualitätsmanagement. Damit stellen wir sicher, dass nur einwandfreie Mehrwegverpackungen wieder in den Umlauf gelangen.

REMONDIS AKTUELL: Haben Sie weitere Beispiele, auch abseits der Veranstaltungsbranche?

Johannes Hatting: Beim ,Coffee to go‘ greifen zwar viele Menschen immer noch zu Einweg, weil sie die Wahl haben. Aber auch die Gastronomie entwickelt sich weiter und wir konnten schon Erfolge verbuchen – allen voran in der Zusammenarbeit mit McDonald’s. Der Logistik- und Supply Chain Spezialist HAVI und McDonald’s Deutschland haben gemeinsam mit Lieferpartnern eine bundesweite Lösung für Mehrwegverpackungen für die rund 1.450 deutschen Restaurants entwickelt. Innerhalb dieses Kreislaufs sind wir für die Spüllogistik und die Sortierung zuständig.

Roland Lenders: Da nämlich nicht alle McDonald’s Restaurants über eine geeignete Spülmöglichkeit vor Ort verfügen, übernehmen wir den integrierten Reinigungsprozess in unserem Sortier- und Spülzentrum.

Das neue Mehrwegsystem bei McDonald’s ist zuletzt sogar mit dem ,Deutschen Award für Nachhaltigkeitsprojekte‘ in der Kategorie ,Verpackungslösung‘ ausgezeichnet worden. Wir sind sehr stolz darauf, Teil dieses Projekts zu sein.

REMONDIS AKTUELL: Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Thema Mehrweg weiter entwickeln?

Johannes Hatting: Wir befinden uns in einem sehr dynamischen Feld mit vielen Akteuren. Aktuell fehlt es an manchen Stellen noch an der gesetzlichen Regulierung, aber auf politischer Seite wird das Thema Mehrweg intensiv diskutiert. Wir dürfen also gespannt sein, wohin die Reise führt. Wichtig ist, dass wir uns jetzt schon rüsten und Lösungen entwickeln, die in vielen Bereichen eingesetzt werden können. Denn die flächendeckende Mehrwegpflicht wird irgendwann kommen, davon können wir ausgehen.

Mit unserem Sortier- und Spülzentrum, das im Januar 2023 an den Start gegangen ist, haben wir bereits frühzeitig die Weichen dafür gestellt. Hier probieren wir gemeinsam mit unseren Kunden viel aus. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden in Zukunft hilfreich sein.

Roland Lenders: Unser Vorteil ist, dass wir in der REMONDIS-Gruppe ein starkes Netzwerk haben. Beim Aufbau neuer Mehrwegkreisläufe können wir auf die Expertise auf dem Gebiet der Erfassung, des Sortierens und Pfand-Clearings von Getränkeverpackungen sowie fundierte Erfahrungen im Kunststoffrecycling zurückgreifen. Wir sehen Mehrweg als ein entscheidendes Puzzleteil in diesem Verbund und haben viel Freude daran, das Geschäftsfeld weiter auszubauen.

Zudem gibt es erste ermutigende Ergebnisse der Mehrweg-Branche, die auf Verhaltensforschung basieren. Unter anderem könnte es zum Standard werden, dass in den Menüs nur noch Mehrwegbecher angeboten werden und die Einwegalternative ganz wegfällt. Wenn sich die Systemgastronomie diesen Trends anschließt und für den Verbraucher positive Anreize schafft, haben wir die passende Spül- und Logistiklösung dafür.

REMONDIS AKTUELL: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg ,auf dem Mehrweg‘!

Weitere Informationen finden Sie unter: www.remondis-mehrweg.de

Bildnachweise: Bild 1: Adobe Stock: jaochainoi; Bild 2, 4, 5, 6: REMONDIS; Bild 3: Adobe Stock: Monstar Studio

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