Kalt ist der Klumpen Metall, wenn man ihn in die Hand nimmt. Dass dieses Stück Aluminium einst ein Abfall war, sieht man ihm nicht an: Das Recyclingprodukt TSR136 ist so rein, dass es ohne weitere Aufbereitung direkt in industriellen Produktionen eingesetzt werden kann.
Peter Flormann ist stolz auf das Erreichte. Flormann leitet die Abteilung „Qualität, Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz“ der TSR Group, eines spezialisierten Metallrecyclers der REMONDIS-Gruppe. „TSR136 kann als Rohstoff in hochwertigen Anwendungen eingesetzt werden, beispielsweise im Karosseriebau oder in der Luft- und Raumfahrt“, sagt Flormann.
Rezyklate im Hightechbereich – in vielen Branchen ist das noch immer undenkbar. Doch TSR verfolgt bereits seit einigen Jahren eine klare Strategie, um Metallschrotte möglichst hochwertig aufzubereiten.
So will die REMONDIS-Tochter in enger Zusammenarbeit mit Partnern in der Industrie Materialkreisläufe auch in hochwertigen Anwendungen schließen. Zusammen mit dem Stahlkonzern thyssenkrupp Steel hatte TSR bereits das Recyclingprodukt TSR40 entwickelt.
Interview mit Herwart Wilms, REMONDIS-Geschäftsführer und FEAD-Präsident
„Bei TSR40 garantieren wir, dass von der Industrie definierte Qualitätsparameter eingehalten werden. Mittels der speziellen Mess-, Detektions- und Separationstechniken können Störelemente in der Produktion sicher im Rohmaterial identifiziert und entfernt sowie Begleitelemente wie zum Beispiel Kupfer, Nickel und Chrom genau bestimmt werden“, sagt Flormann.
TSR40 ist damit eine relevante Alternative für grünen Stahl aus dem Direktreduktionsverfahren. Bei diesem Verfahren, das unter anderem die Salzgitter AG realisieren will, wird im besten Fall mittels grünen Wasserstoffs klimaneutraler Stahl erzeugt. Doch bis heute ist unklar, woher der grüne Wasserstoff für die Industrie kommen und wer den teuren Energieträger bezahlen soll. „TSR40 ist eine sofort verfügbare Alternative für die Dekarbonisierung der Stahlerzeugung“, sagt Flormann.
„TSR40 ist eine sofort verfügbare Alternative für die Dekarbonisierung der Stahlerzeugung.“
Peter Flormann, Leiter QSGU – Qualität, Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz TSR Group
Europas Clean Industrial Deal: Weltspitze in der Kreislaufwirtschaft?
Die Industrie zu dekarbonisieren und damit nicht nur das Klima zu schützen, sondern auch die europäische Wirtschaft fit zu machen für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts, war und ist der Anspruch des European Green Deal – jenes industriepolitischen Großprojekts der EU-Kommission, das in der vergangenen Legislaturperiode kaum einen Stein auf dem anderen ließ. Dem folgte im vergangenen Jahr der sogenannte Clean Industrial Deal (CID), der die Ziele des Green Deal zwar nicht in Frage stellte, aber unter der Voraussetzung deutlich veränderter geopolitischer Realitäten neu interpretierte.
Heute mehr als zuvor betrachtet Brüssel die Transformation zur Kreislaufwirtschaft als einen Faktor für Innovation, Beschäftigung und Resilienz. Die Kommission stützt sich in ihren offiziellen Dokumenten auf Prognosen, denen zufolge der europäische Markt für Wiederaufarbeitung bis 2030 ein Volumen von 100 Milliarden Euro erreichen und bis zu 500.000 neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Mehr Kreislaufwirtschaft kann die industrielle Produktion resilienter und nachhaltiger gestalten, die Dekarbonisierung beschleunigen und die Rohstoffversorgung absichern.
Daher verfolgt die Kommission mit dem CID das Ziel, bis zum Jahr 2030 eine weltweit führende Position in der Kreislaufwirtschaft einzunehmen. Ein zentrales In-strument zur Erreichung dieses Ziels ist ein geplanter Rechtsakt, der noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll: der Circular Economy Act. Dieser soll den freien Verkehr von kreislauforientierten Produkten, Recyclingrohstoffen und Abfällen innerhalb der EU erleichtern und gleichzeitig die Nachfrage nach recycelten Materialien steigern.
Prognosen zufolge könnte der europäische Markt für Wiederaufarbeitung bis 2030 ein Volumen von 100 Milliarden Euro erreichen und bis zu 500.000 neue Arbeitsplätze schaffen.
Mehr Unabhängigkeit durch Exportbeschränkungen?
Mehr Kreisläufe zu schließen – wie in den TSR-Projekten –, entspricht vollkommen den Zielsetzungen des CID. Doch die Kommission will die europäische Industrie mit Recyclingrohstoffen wie den von TSR erzeugten Produkten auch unabhängiger vom Weltmarkt machen: Wenn möglich, sollen die Kreisläufe daher innerhalb der EU geschlossen werden – insbesondere bei den industriepolitisch wichtigen kritischen Rohstoffen.
Welche Rohstoffe als kritisch gelten, hat die Kommission im Critical Raw Materials Act definiert. Auf der Liste ist unter anderem auch Aluminium. Für Aluminium und andere kritische Rohstoffe hatte die Kommission Ende 2025 den sogenannten RESourceEU Action Plan veröffentlicht. Dieser sieht unter anderem konkrete Exportbeschränkungen für Schrott und Abfälle von Permanentmagneten und Aluminium vor.
Die Maßnahmen sollen auch dazu beitragen, die Abhängigkeit der europäischen Industrie von Aluminiumimporten zu verringern. Laut Eurostat importierte die EU im Jahr 2024 Aluminiumerzeugnisse im Wert von 29,5 Milliarden Euro. Der europäischen Statistikbehörde zufolge betrug das Außenhandelsdefizit damit mehr als elf Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2019 stiegen die Aluminiumimporte um fast 30 Prozent.
Flormann zeigt im Gespräch mit RE:VIEWS Verständnis für geostrategisch intendierte Industriepolitik der Kommission, mahnt jedoch zu einer sachgerechten Steuerung der Materialströme. „Aluminium ist nicht gleich Aluminium und Aluschrott ist nicht gleich Aluschrott“, sagt der Metallexperte. „Typische Anwendungen für Aluminiumgusslegierungen sind beispielsweise Motorblöcke oder Getriebegehäuse“, sagt Flormann. Nur: Mit der Transformation des Automobilsektors zur Elektromobilität wird die Nachfrage nach Aluminiumguss in Europa aller Voraussicht nach sinken. „Elektrofahrzeuge haben keine Motorblöcke“, so Flormann. In der Folge wird die europäische Industrie in Zukunft weniger Aluminiumguss benötigen. Im Gegensatz dazu werden Karosseriebleche oder Fensterrahmen aus Aluminiumknetlegierungen gefertigt, die höhere technische Anforderungen erfüllen müssen. „Unsere Recyclingprodukte TSR130 und TSR136 entsprechen diesen Anforderungen und sind in der Industrie entsprechend gefragte Rohstoffe“, sagt Flormann.
Nur ist es nicht möglich, eine Aluminiumgussfraktion zu einer Knetlegierung aufzubereiten. „In den kommenden Jahren werden noch viele Verbrennerautos verschrottet werden. Ohne die Möglichkeit, die dabei entstehende Alugussfraktion zu exportieren, wird die Branche Probleme beim Absatz bekommen.“
„Sollte die EU Exportbeschränkungen für bestimmte Materialien beschließen, müssen sich diese an den am Markt gehandelten Qualitäten orientieren.“
Peter Flormann, Leiter QSGU – Qualität, Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz TSR Group
Was ist ein kritischer Rohstoff?
Nach dem Critical Raw Materials Act (CRMA) wird ein Rohstoff als kritisch eingestuft, wenn er zwei wesentliche Bedingungen erfüllt:
Hohe wirtschaftliche Bedeutung: Der Rohstoff ist für die europäische Wirtschaft, insbesondere für strategische Sektoren wie die Digital- und Energiewende, von entscheidender Bedeutung.
Hohes Versorgungsrisiko: Die Versorgung mit diesem Rohstoff ist durch eine hohe Konzentration der globalen Produktion in wenigen Ländern, geringe Substituierbarkeit und niedrige Recyclingraten gefährdet.
Nach dem CRMA gelten die folgenden Rohstoffe als kritisch: Antimon, Arsen, Bauxit/Aluminiumoxid/Aluminium, Baryt, Beryllium, Bismut, Bor, Kobalt, Kokskohle, Kupfer, Feldspat, Flussspat, Gallium, Germanium, Hafnium, Helium, schwere seltene Erden, leichte seltene Erden, Lithium, Magnesium, Mangan, Grafit, Nickel, Niob, Phosphatgestein, Phosphor, Platin, Scandium, Siliciummetall, Strontium, Tantal, Titanmetall, Wolfram, Vanadium.
Recyclingrohstoffe für eine resiliente Industrie
Qualitätsunterschiede wie beim Aluminium gibt es auch beim Stahl. Auch hier gibt es Qualitäten, die sich als Baustahl hervorragend eignen, aber in höherwertigen Anwendungen unbrauchbar sind. „Sollte die EU Exportbeschränkungen für bestimmte Materialien beschließen, müssen sich diese an den am Markt gehandelten Qualitäten orientieren“, sagt Flormann. Und: „Um den Preis für die hochwertigen Qualitäten zu stabilisieren, müssen Exportbeschränkungen durch Mindesteinsatzquoten für Recyclingrohstoffe ,Made in Europe‘ flankiert werden.“
Denn in Europa erzeugte Recyclingrohstoffe wie die TSR-Produkte sind nicht nur klima- und ressourcenschonend, sondern minimieren die Gefahr externer Schocks durch Rohstoffabhängigkeiten und verbessern so die Versorgungssicherheit der heimischen Industrie. Der Bedarf der metallverarbeitenden Industrie an Recyclingrohstoffen wird in den kommenden Jahren weiter steigen, hatten Wissenschaftler der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena in einer Studie im vergangenen Jahr am Beispiel der deutschen Stahlindustrie ermittelt. Demnach hatten die Stahlhütten in Deutschland zwischen 2015 und 2023 einen durchschnittlichen Stahlschrottbedarf von 17,2 Millionen Tonnen. Für 2045 prognostizieren die Wissenschaftler einen Bedarf von bis zu 27,6 Millionen Tonnen. Insbesondere der Bedarf an hochwertigem Schrott dürfte steigen, fassen die Wissenschaftler die Ergebnisse zusammen.
Mehr Rohstoffe durch besseren Vollzug
Doch um diesen wachsenden Bedarf mit hochwertigen Recyclingrohstoffen „Made in Europe“ zu decken, bedarf es grundlegender Änderungen am Vollzug des Abfallrechts. „Insbesondere in der Altfahrzeugverwertung haben wir seit Jahren eine große Lücke zwischen abgemeldeten und verwerteten Fahrzeugen“, sagt Flormann. Die Situation ist den politischen Entscheidungsträgern bekannt: So schreibt das Bundesumweltministerium auf seiner Webseite, dass derzeit rund 50 Millionen Pkw in Deutschland angemeldet sind. Jährlich werden davon rund drei Millionen Fahrzeuge endgültig abgemeldet – aber nur zwischen 300.000 und 500.000 Altfahrzeuge landen bei Verwertungsbetrieben. Der Rest wird als „Gebrauchtfahrzeug“ exportiert. „Jährlich verschwinden rund 2,5 Millionen Fahrzeuge vom Markt und wir wissen nicht genau, wohin“, fasst Flormann die Situation zusammen.
Der Unterschied zwischen einem Altfahrzeug und einem Gebrauchtfahrzeug ist juristisch fein, aber praktisch bedeutend. Ein Gebrauchtfahrzeug wird rechtlich als Produkt eingestuft und unterliegt dem freien Warenverkehr, sofern es funktionstüchtig ist oder nur geringfügige, reparable Mängel aufweist. Im Gegensatz dazu ist ein Altfahrzeug juristisch als Abfall klassifiziert.
Es unterliegt damit den strengen Regularien des Abfallrechts, wie der Altfahrzeug- und der Abfallverbringungsverordnung, die unter anderem den Export und die Verwertung reglementieren. Die Übergänge zwischen Gebrauchtfahrzeug und Altauto sind naturgemäß fließend. Mit Inkrafttreten der neuen europäischen Altfahrzeugverordnung werden voraussichtlich ab Anfang 2027 die rechtlichen Vorgaben verschärft. Ab diesem Zeitpunkt müssen Verkäufer von Gebrauchtwagen nachweisen, dass ein Gebrauchtauto kein Altfahrzeug ist. Für den Nachweis muss ein Auto „fahrtüchtig“ sein – was unter anderem durch ein Gutachten eines unabhängigen Kfz-Sachverständigen erfolgen kann.
Flormann begrüßt die rechtliche Verschärfung, mahnt jedoch auch einen besseren Vollzug durch die Behörden an. „Wir haben in Deutschland ein Vollzugsdefizit im Abfallrecht. Die Gutachten sind nichts wert, wenn niemand sie kontrolliert“, sagt der TSR-Experte. „Wir werden in Europa nur dann mehr hochwertige Recyclingrohstoffe für unsere heimische Industrie erzeugen können, wenn auch die Abfälle im Land bleiben.“
Die schwierige Lage des Kunststoffrecyclings
Doch die Rohstoffsicherheit Europas wird nicht allein von Metallen und dem Zugang zu kritischen Rohstoffen bestimmt. Einer der wichtigsten Werkstoffe der Welt ist aufgrund seiner hervorragenden Materialeigenschaften Kunststoff. Zukunftsmärkte wie die Elektromobilität, erneuerbare Energien oder auch Elektrogeräte und Rechenzentren für Künstliche Intelligenz benötigen hochwertige Kunststoffe. Ohne Kunststoff keine Dekarbonisierung.
Doch Kunststoffe selbst weisen einen großen CO2-Fußabdruck auf – zumindest, wenn sie aus Neuware hergestellt und nach einer einmaligen Verwendung verbrannt werden. Denn Kunststoffneuware wird energieintensiv aus der Erdölfraktion Naphtha erzeugt. „Kunststoffrezyklate zu verwenden, senkt den Energieverbrauch und ist gut fürs Klima“, sagt Monica Harting Pfeifer, die sich bei REMONDIS mit der Entwicklung des Kunststoffrecyclings beschäftigt.
Energie wird nicht günstiger und die Abhängigkeit der westlichen Industrie von der Willkür des OPEC-Kartells hat die hiesige Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten schon des Öfteren herausgefordert. Mehr Kunststoffrezyklate zu verwenden, sollte daher im strategischen Interesse sowohl der europäischen Regierungen als auch jener Unternehmen sein, die in Europa Kunststoffe verarbeiten. Und tatsächlich hatte die Europäische Kommission diese Herausforderung mit dem Green Deal erkannt und unter anderem mit der neuen europäischen Verpackungsverordnung (Packaging and Packaging Waste Regulation, PPWR) flächendeckend Mindesteinsatzquoten für Kunststoffrezyklate in Verpackungen festgelegt.
Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen für den Kunststoffrecyclingmarkt in Europa, weshalb die Branche in den vergangenen Jahren mit positivem Elan rund fünf Milliarden Euro investierte, um die Anforderungen der PPWR zu erfüllen. Auch bei REMONDIS wurden Prozesse weiterentwickelt, um dem ansteigenden Qualitätsanspruch beispielsweise für Kosmetikverpackungen gerecht zu werden. Doch seit Monaten steht der Markt unter Druck. „Zu dem anhaltenden Preisdruck, der von günstiger Neuware ausgeht, gesellen sich seit einiger Zeit Rezyklatimporte aus Billiglohnländern und Fake-Rezyklate“, sagt Harting Pfeifer. Als „Fake-Rezyklate“ wird in der Recyclingbranche Neuware bezeichnet, die fälschlicherweise als Rezyklate verkauft werden.
„Besonders hochwertige Kunststoffrezy-klate sind in der Herstellung aktuell teurer als Neuware“, erklärt Harting Pfeifer. Der Grund sind höhere Kosten, die bei der personalintensiven Abfallsammlung beginnen und bei den stromintensiven Sortier- und Aufbereitungsverfahren aufhören. „Auf der anderen Seite senken Rezyklate die bei der Primärrohstoffproduktion externalisierten Kosten“, so Harting Pfeifer, also jene Kosten, die bei der Primärrohstoffgewinnung durch die Zerstörung der Umwelt und des Klimas entstehen und von uns allen bezahlt werden müssen.
E-Schrott als urbanes Rohstofflager
Viele kritische Rohstoffe finden sich in Elektro- und Elektronikaltgeräten, gemeinhin als Elektroschrott bezeichnet. Diese Abfallkategorie stellt ein bedeutendes urbanes Rohstofflager dar: Ergebnisse des europäischen Forschungsprojekts „Futuram“ – Abkürzung für „Future Availability of Secondary Raw Materials“ – zeigen, dass in Elektroschrott bis zu 29 verschiedene kritische Rohstoffe mit einem Gesamtgewicht von rund einer Million Tonnen enthalten sind.
Obwohl diese Materialien für die industrielle Produktion von großer Bedeutung sind, werden sie bisher nur unzureichend zurückgewonnen. Laut Futuram wurden 2022 aus Elektroschrott in den EU27 sowie Island, Norwegen, der Schweiz und Großbritannien etwa 0,4 Millionen Tonnen kritische Rohstoffe zurückgewonnen. Die größten Mengen umfassen dabei Aluminium und Kupfer, während seltene Erden wie Neodym und Dysprosium sowie Palladium und Wolfram derzeit nur in geringen Mengen zurückgewonnen werden. Mehr kritische Rohstoffe aus dem Elektroschrott für die eigene Industrie zurückzugewinnen, ist für die Kommission daher ein zentraler Hebel, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu verringern.
Auch die sogenannte schwarze Masse aus dem Batterierecycling ist ein Abfall, der viele kritische Rohstoffe enthält, der aber für das Recycling häufig in Drittländer exportiert wird – obwohl er für die europäische Batterierecyclingindustrie von strategischer Bedeutung ist.
Eigentlich sollten die Dualen Systeme einen Wiedereinsatz der Rohstoffe wirtschaftlich sicherstellen, doch der Druck der Marken und Inverkehrbringer ist enorm. Dieses Ungleichgewicht ist aufgrund globaler Rohstoffmärkte schwer auszugleichen, weswegen sich die EU entschieden hat, die Rezyklatnachfrage durch Mindesteinsatzquoten beispielsweise in der PPWR abzusichern.
Doch Fake-Rezyklate und Rezyklatimporte, die unter deutlich geringeren Menschenrechts- und Umweltansprüchen hergestellt werden, gefährden diese Absicherung der Nachfrage und entziehen dem gesamten Kunststoffrecyclingmarkt in Europa den Boden.
In den vergangenen Monaten haben sich bereits große Akteure aus dem Kunststoffrecycling in Europa zurückgezogen, viele mittlere und kleinere Betriebe kämpfen ums Überleben. Bereits jetzt gehen Studien davon aus, dass 2030 rund eine Million Tonnen hochwertige Kunststoffrezyklate im europäischen Markt fehlen werden. Die aktuelle Krise wird die Lücke eher noch vergrößern – und damit eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe in Europa stark gefährden.
Bereits jetzt gehen Studien davon aus, dass 2030 rund eine Million Tonnen hochwertige Kunststoffrezyklate im europäischen Markt fehlen werden.
Doch das widerspricht der erklärten Zielsetzung der Europäischen Kommission. „Nur Rezyklate ,Made in Europe‘ sind garantiert ökologisch nachhaltig und können die Abhängigkeit der europäischen Industrie von Rohstoffimporten senken“, betont Harting Pfeifer. Eine stabile Nachfrage für Recyclingprodukte ist das fehlende Puzzlestück in der in über vier Jahrzehnten aufgebauten Lösung für die Flut von Verpackungsabfällen. „Wir haben die EU auf das Problem aufmerksam gemacht und auch in Berlin setzen wir uns dafür ein, dass die gesetzlichen Regelungen eine lokale Kreislaufwirtschaft stärken“, erklärt Harting Pfeifer zuversichtlich. Die EU will nach dem Vorbild der Verpackung auch in weiteren Branchen die Verwendung von Kunststoffrezyklaten vorschreiben. So sieht beispielsweise die neue EU-Altfahrzeugverordnung für die in Fahrzeugen verwendeten Kunststoffe ab 2032 bereits 15 Prozent und im Jahr 2036 25 Prozent Mindestrezyklatanteil vor.
Die dann rezyklierten Kunststoffe stammen im besten Fall aus europäischen Altfahrzeugen, die regional verwertet und recycelt wurden. Peter Flormann nimmt am TSR-Standort im Duisburger Hafen ein Stück TSR40 in die Hand, das aus der Altautoverwertung stammt. Das kalte, schwere Metallteil wird unter anderem bei thyssenkrupp Steel nur wenige Kilometer weiter zu hochwertigen Stahlblechen verarbeitet, die anschließend wieder in der Automobilindustrie eingesetzt werden. Eine nachhaltige Wertschöpfung mit Recyclingrohstoffen „Made in Europe“ – ein Beispiel, das auch im Kunststoffbereich Schule machen sollte.
Quoten der PPWR
Diese Recycling- und Rezyklateinsatzquoten gelten für Kunststoffe nach der europäischen Verpackungsverordnung (PPWR):
Interview mit Herwart Wilms, REMONDIS-Geschäftsführer und FEAD-Präsident
„Wir müssen die Nachfrageseite stärken“
Die Transformation hin zu einem nachhaltigen Wirtschaftsmodell ist eine der zentralen Herausforderungen für die europäische Industrie. Die Kreislaufwirtschaft ist für die Erreichung der Klimaziele alternativlos. Dennoch: Die Recyclingbranche als ein zentraler Akteur der Kreislaufwirtschaft steht vor erheblichen Schwierigkeiten. Im Interview spricht REMONDIS-Geschäftsführer und FEAD-Präsident Herwart Wilms über die Lage der Branche, notwendige politische Weichenstellungen und darüber, warum Rezyklate „Made in Europe“ europarechtlich bevorzugt werden sollten.
Herr Wilms, seit dem 1. Januar sind Sie Präsident der FEAD, Vereinigung der Verbände und Unternehmen der Kreislaufwirtschaft in Europa. In Europa mehren sich die Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie. Welche Rolle spielt die Kreislaufwirtschaft noch in Europa und für die EU-Kommission?
Herwart Wilms: Zunächst einmal finde ich es positiv, dass Europa sich weiterhin als Industriestandort positioniert und die Rolle der Industrie stärken möchte. Es wurden Maßnahmen ergriffen, wie etwa die Omnibus-Pakete, um bürokratische Hürden abzubauen. Ich werte das positiv und hoffe, dass Europa diesen Weg weiterverfolgt, auch mit neuen Handelsabkommen wie Mercosur.
Was den Green Deal betrifft, besteht aus meiner Sicht absolute Klarheit: Kein Ziel wurde aufgegeben, insbesondere nicht das Ziel der CO2-Neutralität bis 2050. Dieses Ziel ist ohne eine stark ausgebaute Kreislaufwirtschaft nicht erreichbar. Die Kreislaufwirtschaft ist eine der wesentlichen Säulen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Hinzu kommen geopolitische Spannungen, bei der die Kreislaufwirtschaft für mehr Unabhängigkeit und Resilienz sorgen kann. Der Draghi-Report hat uns klar aufgezeigt, wo wir Schwächen haben und wo wir noch nachbessern müssen.
Das klingt optimistisch. Aber für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft brauchen wir eine starke Recyclingindustrie. Gerade bei wichtigen Stoffströmen wie Kunststoff und Metallen sieht es derzeit nicht gut aus. Wie passt das zu den ambitionierten Zielen des Green Deal?
Herwart Wilms: Das ist eine berechtigte Frage. Die Situation ist in Europa sehr unterschiedlich. In Italien beispielsweise haben Kunststoffrecycler große Probleme, da es keine vernünftigen Absatzmärkte für Rezyklate gibt. Das führt dazu, dass in großen Städten das Sammeln des Gelben Sacks eingestellt wurde, was kata-strophale Auswirkungen auf die Recyclingziele und die Stadthygiene hat. Frankreich hingegen belohnt Unternehmen, die lokal produzierte Kunststoffrezyklate einsetzen, mit einem finanziellen Bonus und stärkt so die Absatzmärkte. In Deutschland haben einige große Marktteilnehmer ihre Anlagen geschlossen. Die Situation im Kunststoffrecycling ist derzeit wirklich ernst.
Was kann die Politik tun?
Herwart Wilms: Es gibt einen ganzen Blumenstrauß an Möglichkeiten. Nehmen Sie nur die Plastiksteuer: Deutschland zahlt jährlich etwa 1,4 Milliarden Euro an die EU, weil wir bis heute kein vernünftiges System haben, um das Nichtrecyceln von Kunststoffen zu verhindern. Es mangelt nicht an Erkenntnis, sondern am politischen Willen, diese Probleme anzugehen.
Wie könnte man denn die Plastiksteuer so umsetzen, dass sie eine echte Lenkungswirkung entfaltet?
Herwart Wilms: Die Plastiksteuer könnte auf die Produzenten umgelegt werden, statt sie aus Steuergeldern ohne jegliche Lenkungswirkung an Brüssel zu überweisen. Die 1,4 Milliarden Euro Steuergeld könnten sicherlich sinnvoller verwendet werden, zum Beispiel als Bonus für eingesetzte Rezyklate oder recyclingfähiges Design. Es geht darum, die Industrie zu motivieren, nachhaltiger zu produzieren, und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Umsetzung effizient und kontrollierbar ist.
Und dann kauft die Industrie billige Fake-Rezyklate aus Asien …
Herwart Wilms: Die Flut von Neuware, die in Europa fälschlicherweise als Rezyklate verkauft wird, ist ein großes Problem. Dessen müssen wir Herr werden. Vor Weihnachten hatte die EU-Kommission ein Winterpaket veröffentlicht, in dem sie unter anderem einen Binnenmarkt für Recyclingrohstoffe und Handelscodes für Kunststoffrezyklate ankündigt. Wir glauben aber, dass deutlich mehr gemacht werden muss, um den Kunststoffrecyclingmarkt zu stabilisieren. Investitionen brauchen stabile Rahmenbedingungen, damit sie sich lohnen.
„Wir brauchen eine klare ‚Made in Europe‘-Klausel, um die Recyclingkapazitäten in der EU zu erhalten.“
Herwart Wilms, REMONDIS-Geschäftsführer und FEAD-Präsident
Was fehlt Ihnen?
Herwart Wilms: Recyceltes Plastik, das zur Erfüllung der EU-Ziele verwendet wird, sollte aus Post-Consumer-Abfällen stammen, die innerhalb Europas gesammelt und recycelt worden sind. Wir brauchen eine klare ‚Made in Europe‘-Klausel, um die Recyclingkapazitäten in der EU zu erhalten.
Wäre eine solche ‚Made in Europe‘-Klausel denn handelsrechtlich möglich?
Herwart Wilms: Wir denken schon. Als FEAD fordern wir unter anderem, die Circular Material Use Rate bis 2035 auf mindestens 25 Prozent zu steigern. Eine klare Regelung, die den Einsatz von Rezyklaten aus der EU vorschreibt, könnte helfen, den Markt zu stabilisieren und die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Wichtig ist, dass diese Rezyklate aus einer haushaltsnahen Erfassung stammen und einen Sortierprozess durchlaufen haben. Das muss auf der Importseite durch Spiegelklauseln sichergestellt werden, die dafür sorgen, dass importierte Rezyklate denselben Standards entsprechen wie lokal produzierte, und kann auf der Nachfrageseite durch einen Bonus für den Einsatz lokal produzierter Rezyklate erfolgen, wie Frankreich es aktuell macht.
Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, die Nachfrage nach Recyclingprodukten anzukurbeln?
Herwart Wilms: Die Industrie ist ein wichtiger Abnehmer für Recyclingrohstoffe. Ein anderer ist die öffentliche Hand. Laut offizieller Vergabestatistik des Bundeswirtschaftsministeriums wurden allein 2022 fast 190.000 öffentliche Aufträge mit einem Auftragsvolumen von rund 132 Milliarden Euro vergeben. Im Tiefbau sind Bund, Länder und Gemeinden die mit Abstand wichtigsten Auftraggeber. Es muss doch möglich sein, diesen Hebel zu nutzen, um Ressourcen zu schonen und die Kreislaufwirtschaft zu stärken.
Warum geschieht das nicht längst? Spricht vergaberechtlich etwas dagegen?
Herwart Wilms: Vergaberechtlich ist schon heute vieles möglich. Aber die Rechtslage ist für viele Menschen in den Gemeinden und Behörden zu kompliziert. Das sind in der Regel keine Vergaberechtsexperten. Im Zweifel machen sie daher genau das, was vergaberechtlich vermeintlich einwandfrei ist.
Laut offizieller Vergabestatistik des Bundeswirtschaftsministeriums wurden allein 2022 fast 190.000 öffentliche Aufträge mit einem Auftragsvolumen von rund 132 Milliarden Euro vergeben.
Und das wäre dann eine Vergabe mit dem Preis als einzigem Vergabekriterium?
Herwart Wilms: Ganz genau. Deshalb müssen wir es diesen Menschen möglichst einfach machen, Aufträge vergaberechtlich korrekt und nachhaltig zu vergeben.
Sie spielen auf das Recyclinglabel an …
Herwart Wilms: Ein einheitliches Recyclinglabel wäre ideal. Es könnte klare Standards setzen, die für alle Produkte gelten. Ein solches Label würde den öffentlichen Einkäufern helfen, nachhaltige Produkte zu erkennen und gezielt zu kaufen. Das würde eine starke Nachfrage nach Rezyklaten auslösen und der Industrie Anreize geben, in nachhaltige Produktion zu investieren.
Wenn wir positiv in die Zukunft blicken: Wie sehen Ihre idealen Rahmenbedingungen für eine Kreislaufwirtschaft im Jahr 2030 aus?
Herwart Wilms: Wir müssen die Nachfrageseite stärken, etwa durch Bonussysteme für nachhaltige Produktion. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass Gesetze auch tatsächlich umgesetzt und kontrolliert werden.
Die erweiterte Herstellerverantwortung ist ebenso ein zentraler Punkt. Hersteller müssen Systeme finanzieren, die auch in Zeiten von schwankenden Rohstoffpreisen funktionieren. Außerdem müssen sie stärker in die Verantwortung genommen werden, ihre Produkte so zu gestalten, dass sie recycelbar sind. Die EU ist hier auf dem richtigen Weg, beispielsweise im Textilbereich.
Was muss ein EPR-System für den Textilsektor denn leisten?
Herwart Wilms: Es muss vor allem gewährleisten, dass die Hersteller Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte übernehmen. Das bedeutet, sie müssen nicht nur für die Produktion, sondern auch für die Sammlung und das Recycling ihrer Textilien aufkommen. Konkret heißt das, dass ein solches System die Finanzierung von Sammel- und Sortierstrukturen sicherstellen muss, damit Textilien haushaltsnah erfasst und sortiert werden können – und zwar auch in Zeiten, in denen die Rohstoffpreise stark schwanken und die Nachfrage nach recycelten Materialien möglicherweise gering ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das sogenannte Design for Recycling. Die Hersteller müssen ihre Produkte so gestalten, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus möglichst einfach recycelt werden können.
Wie könnte das im Textilbereich aussehen?
Herwart Wilms: Es gibt beispielsweise Herstellungsverfahren für elastische Textilien ohne Elasthan. Diese Verfahren sind teurer, aber Elasthan erschwert das Recycling. Hier muss ein EPR-System klare Anreize schaffen, um eine nachhaltige Produktion und die Verwendung von recycelten Materialien zu fördern.
Kreislaufwirtschaft soll auch die heimische Industrie mit sicheren Rohstoffen versorgen und unabhängiger von Lieferanten wie China machen. Wie stehen Sie zu den derzeit diskutierten Exportbeschränkungen für Metalle wie Aluminium?
Herwart Wilms: Exportbeschränkungen sind ein starker Eingriff in den Markt, den man sich gut überlegen sollte. Speziell bei Aluminium ist es wichtig, zwischen Guss- und Knetlegierungen zu unterscheiden. Für Gusslegierungen wird der Export für die Aufrechterhaltung der Wertschöpfungskette unerlässlich sein, da die europäische Nachfrage nach Aluminiumgussteilen aufgrund der Elektrifizierung von Kraftfahrzeugen in den nächsten Jahren massiv zurückgehen wird. Die nachgefragte Menge wird dann nicht ausreichen, um die Schrotte in Europa zu verwerten. Mögliche Exportbeschränkungen sollten daher höchstens für Knetlegierungen gelten, für die auch ein Bedarf in Europa besteht.
Wie könnte eine Lösung aussehen, die die Abhängigkeit der hiesigen Industrie von kritischen Rohstoffen aus dem Ausland reduziert, ohne die Recyclingindustrie zu gefährden?
Herwart Wilms: Wir müssen eine Situation schaffen, in der die Nachfrage nach dem recycelten Material so groß ist, dass die Preise das Recycling wirtschaftlich machen und Anreize für Investitionen in fortschrittliche Aufbereitungstechnologien schaffen. Etwaige Exportbeschränkungen müssen dazu beispielsweise mit Mindestanforderungen an den Recyclinganteil in Produkten einhergehen.
Herr Wilms, vielen Dank für das Gespräch.
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